Velo und ÖV nicht gegeneinander ausspielen

Foto: Gaetan Bally/Keystone
Sichere Velowege und ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr sind keine Gegensätze. In einem Leserbrief in der Luzerner Zeitung zeigt Cyrill Zosso, Co-Präsident von Pro Velo Luzern, weshalb die entscheidende Frage eine andere ist: Wie wird der knappe Strassenraum verteilt?
Der Ausbau der Veloinfrastruktur ist demokratisch breit abgestützt. Trotzdem wird die Diskussion oft als vermeintlicher Konflikt zwischen Veloverkehr und öffentlichem Verkehr geführt. Der folgende Leserbrief ordnet diese Debatte ein und plädiert für eine Verkehrspolitik, die Sicherheit, Zuverlässigkeit und effiziente Raumnutzung gemeinsam denkt.
Leserbrief in der Luzerner Zeitung:
Wer Velos gegen den ÖV ausspielt, blendet etwas Wichtiges aus
21.08.2026, Beitrag zum Artikel «Aus der Spur geraten» , Luzerner Zeitung, Ausgabe vom 17. August 2026
Die Schweizer Bevölkerung hat dem Ausbau der Veloinfrastruktur einen klaren Auftrag erteilt: 2018 stimmten 73,6 Prozent für den Bundesbeschluss über die Velowege. Bund, Kantone und Gemeinden sind verpflichtet, sichere und zusammenhängende Velonetze umzusetzen und Versäumnisse der letzten Jahrzehnte aufzuholen.
Die im Artikel vermittelte Erzählung ist zynisch: Ausgerechnet die Veloförderung soll den ÖV gefährden. Die grundsätzliche Frage lautet vielmehr, wie viel Strassenraum wir den verschiedenen Verkehrsmitteln zuweisen. Erst wenn der motorisierte Individualverkehr (MIV) dabei grundsätzlich ausgeblendet wird, entsteht eine Konkurrenz zwischen Velo und ÖV. Das ist der blinde Fleck des autozentrierten Verkehrsdenkens: Der enorme Platzbedarf des MIV wird als gegeben verstanden, während selbst kleine Flächenverschiebungen zugunsten von Velo oder ÖV als Verlust dargestellt werden. Gerade auf Kantonsstrassen ist das häufig problematisch. Für Städte sind sie entscheidend, um Velolücken zu schliessen. Unter kantonaler Hoheit besteht aber oft kaum Bereitschaft, einen Teil des durch den MIV besetzten Raums abzutreten. So bleibt scheinbar nur, Velo und ÖV gegeneinander auszuspielen.
Das ist keine Folge der Veloförderung, sondern eine Frage politischer Prioritäten. In Ballungsräumen werden flächeneffiziente Verkehrsmittel immer wichtiger. Das Velo braucht wenig Platz und kann auf kurzen Strecken grosse Kapazitäten schaffen. Viele Menschen würden gerne Velo fahren, werden aber von der als unsicher wahrgenommenen Infrastruktur abgeschreckt. Pro Velo will einen starken ÖV mit eigenen Spuren, wo nötig. Genauso braucht das Velo gute Verbindungen. Die Lösung besteht darin, den Strassenraum so zu verteilen, dass möglichst viele Menschen möglichst effizient, sicher und zuverlässig unterwegs sein können.
Cyrill Zosso, Kriens, Co-Präsident Pro Velo Luzern

